Verwaltung trifft Wissenschaft

Unter dem Titel „Verwaltung trifft Wissenschaft“ stellt Präsident Dr. Ulrich Kleemann im zweimonatigen Rhythmus jeweils ein Thema aus dem vielfältigen Aufgabenfeld der Struktur– und Genehmigungsdirektion Nord in den Mittelpunkt und lädt dazu Gastreferenten aus Wissenschaft und Verwaltung ein. Die Veranstaltungsreihe soll neben dem Austausch aktueller Informationen zwischen Lehre und Praxis eine Gelegenheit zum Kennenlernen des interessanten Aufgabenspektrums der Struktur– und Genehmigungsdirektion Nord bieten.

Dialog zum Schutz von Wiesenbrütern im Westerwald

Wiesenpieper, Braunkehlchen und andere Wiesenbrüter sind in ihrem landesweit wichtigsten Brutgebiet im Westerwald vom Aussterben bedroht. Aus diesem Grund stellt die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord in der dritten Auflage ihrer Veranstaltungsreihe „Verwaltung trifft Wissenschaft“ die Frage: „Kann das Aussterben der Wiesenbrüter im Westerwald verhindert werden?“. „Der Nachmittag steht im Zeichen des Dialogs zwischen Wissenschaft, Naturschutz und Landwirtschaft“, erklärt Dr. Ulrich Kleemann, Präsident der SGD Nord. „Die GNOR hat den Hinweis auf die Gefährdung der Lebensräume der Rote-Listen-Arten Braunkehlchen und Wiesenpieper im Westerwald gegeben. Gemeinsam haben wir daraufhin ein Handlungskonzept für das Projekt des Umweltministeriums zum Wiesenbrüterschutz im Westerwald erarbeitet“.

Gastreferent Professor Dr. Klaus Fischer von der Universität Koblenz-Landau informierte in seinem Vortrag über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse bezüglich der alarmierenden Bestandssituation der Wiesenbrüter im Westerwald. Dort hatten diese bis in jüngster Zeit landesweit ihre wichtigsten Brutgebiete. In den letzten Jahren sei ihr Bestand jedoch drastisch zurückgegangen. Beispielsweise habe die Population der Braunkehlchen zwischen 2009 und 2016 um 74,5 % abgenommen und die des Wiesenpiepers sogar um 85,8 %. Fischer weist auf den Zusammenhang von Landnutzung und Bruterfolg hin und nennt fehlende Struktur beziehungsweise fehlende Sitzwarten sowie die Nutzungsintensivierung von Wiesen und Weiden als Hauptgründe für das Verschwinden der Brutpaare.

Den Vögeln fehlen zunehmend geschützte und störungsfreie Nistplätze. Braunkehlchen sind auf offene und gut überschaubare Grünlandflächen angewiesen, die ihnen ausreichend Nahrung wie Insekten bieten. Die Brutzeit des Wiesenbrüters endet je nach Witterung im Juli. Sie bauen ihre Nester auf dem Boden und im Gras. Der Schutz der Wiesenbrüter sei möglich, wenn zusammenhängende Flächen geschaffen würden, auf denen Mahd und Beweidung nicht vor Mitte Juli stattfinden sowie auf Düngung und Pestizide verzichtet würde. „Wir brauchen die Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Naturschutz“, wirbt Fischer und stellt fest: „Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, nicht eine der Landwirtschaft!“

Volker Hartmann, Naturschutzreferent der SGD Nord, stellte Projekte zum Wiesenbrüterschutz im Westerwald vor. So wurden zum Beispiel in den vergangenen acht Jahren im Rahmen der Biotopbetreuung allein im Westerwaldkreis ca. 700.000 Euro für Naturschutz im Offenland ausgegeben. Diese Maßnahmen förderten das Überleben der Braunkehlchen im Westerwald maßgeblich, konnten aber auch dort Rückgänge nicht völlig aufhalten. Die SGD Nord hat dem Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten daher ein Pilotprojekt vorgeschlagen, das die Bestände der Wiesenvögel sichern soll, indem gemeinsam mit den lokal wirtschaftenden Landwirten neue Methoden des Vogelschutzes im Offenland erarbeitet werden. Das Handlungskonzept soll Ende Juni durch das Umweltministerium vorgestellt werden.

Vortrag Professor Dr. Fischer

Vortrag Volker Hartmann

 

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Schutz wertvoller Böden im Focus bei der SGD Nord

Unsere Böden werden in ihrer Bedeutung als Umweltmedium häufig unterschätzt. Deshalb widmete die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord dem Bodenschutz die zweite Auflage der Veranstaltungsreihe „Verwaltung trifft Wissenschaft“. Unter der Überschrift „Was krabbelt da unter unseren Füßen? Das Leben auf einem Bioreaktor“ geht es um die vielfältigen Funktionen unseres Bodens. „Obwohl wir alle auf intakte und vielfältige Funktionen erfüllende Böden angewiesen sind, findet der Bodenschutz in der Öffentlichkeit eine zu geringe Aufmerksamkeit“, so Präsident Dr. Ulrich Kleemann. „Böden sind gefährdet durch Schadstoffeinträge und den starken Zubau von Siedlungsflächen, der noch weit vom Nachhaltigkeitsziel von weniger als 30 ha/Tag Flächenverbrauch entfernt ist.“ Die SGD Nord ist als Obere Bodenschutzbehörde und Obere Landesplanungsbehörde mit diesem Thema befasst.

Gastreferent Professor Dr. Sören Thiele-Bruhn, Lehrstuhlinhaber und Leiter des Faches Bodenkunde im Fachbereich Raum- und Umweltwissenschaften der Universität Trier, erläuterte die verschiedenen Bodenfunktionen in Forschung und Praxis. Im Mittelpunkt standen die wissenschaftlichen Arbeiten zu Effekten der Schadstoffbelastung auf Böden, der Normung von bodenbiologischen Testmethoden, mit denen die Qualität des Bodens bestimmt werden kann, und Arbeiten zur Bodenfunktionsbewertung. Insbesondere die Erläuterungen zu dezentralem Hochwasserschutz durch angepasste Bodennutzung sind von besonderem Wert für die Praxis. „Dem Vorsorgegedanken zum Schutz wertvoller Böden müsste ein stärkeres Gewicht verliehen werden“, zieht Prof. Dr. Sören Thiele-Bruhn sein Fazit.

Dr. Thomas Lenhart, Leiter der Regionalstelle Wasserwirtschaft, Abfallwirtschaft, Bodenschutz Montabaur der SGD Nord, ergänzte aus dem Blickwinkel der Verwaltung. Er wies auf die im Vergleich zu anderen Umweltmedien geringen gesetzlichen Regelungen zu dessen Schutz hin, insbesondere im Bereich des vorsorgenden Bodenschutzes. Neben den natürlichen Bodenfunktionen war die Neuinanspruchnahme von Flächen zu Siedlungs- und Verkehrszwecken von derzeit rund 66 Hektar pro Tag ein Schwerpunktthema. Diese soll im Sinne eines sparsamen und schonenden Umgangs mit unserem Boden durch den Vorrang der Innen- vor der Außenentwicklung sowie der Entsiegelung und Revitalisierung von Flächen erreicht werden. Das Land Rheinland-Pfalz hat hierzu das Instrument der Schwellenwerte für die Regionalen Raumordnungspläne eingeführt.

Die zählbaren Fakten zum Thema Boden faszinierten die Zuhörerschaft aus den Bereichen Verwaltung, Wissenschaft und Naturschutz. Jedes Gramm Boden enthält Milliarden von Mikroorganismen, wie Bakterien, Pilze, Algen und Einzeller. In jedem Quadratmeter leben hunderttausende bis Millionen Bodentiere, wie Fadenwürmer, Regenwürmer, Milben, Asseln, Springschwänze und Insekten. Ein Hektar Boden entspricht rund 15 Tonnen Lebendmasse im durchwurzelbaren Bodenraum. Ein Viertel der Arten auf der Erde leben im Boden, aber nur gut ein Prozent davon ist bekannt beziehungsweise erforscht. Im Boden gibt es also wesentlich mehr Organismen als auf dem Boden.

Er regelt die Kreisläufe von Wasser, Luft, organischen sowie mineralischen Stoffen, dient als Lebensraum für Pflanzen, Tiere, Menschen und Mikroorganismen, wird als Rohstofflieferant ebenso genutzt wie für die Land- und Forstwirtschaft und fungiert als Archiv unserer Landschaftsgeschichte. Die Bodenmikroorganismen erbringen vielfältige Dienstleistungen für das Ökosystem, wie zum Beispiel als Beitrag zum Nahrungsnetz und zur Biodiversität, bei der Kontrolle von Pflanzenkrankheiten und dem Bioabbau von Schadstoffen.

Vortrag Prof. Dr. Sören Thiele-Bruhn

Vortrag Dr. Thomas Lenhart

 

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Klimawandel und Folgen im Focus bei der SGD Nord

Der Klimawandel und die daraus resultierenden Herausforderungen für die Wasserwirtschaft standen im Mittelpunkt der Eröffnungsveranstaltung zur neuen Reihe „Verwaltung trifft Wissenschaft“ in der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord. „Mit diesem Thema haben wir einen Nerv getroffen“, stellte Präsident Dr. Ulrich Kleemann angesichts des gut besuchten Sitzungssaales fest.“ Die Wasserwirtschaft muss langfristig denken und sich auf die Herausforderungen mit wissenschaftlich fundierten Strategien einstellen. Mit dieser Veranstaltung möchten wir die fachliche Diskussion anstoßen.“

Der Klimawandel ist bereits heute wahrnehmbar. Heißere und trockenere Sommer, mildere und feuchtere Winter, häufig wechselnde Wetterlagen und extreme Wetterereignisse sind Indizien für bereits stattfindende Klimaveränderungen. In Rheinland-Pfalz ist die Jahresmitteltemperatur von 1881 bis 2016 bereits um 1,5 °C angestiegen und liegt damit über dem Bundesdurchschnitt.

Gastreferent Dr. Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes, widmete sich den Antworten der Meteorologie auf die steigende Zahl von Extremereignissen durch den Klimawandel. Entscheidend seien dabei in erster Linie die Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit sowie die Bereitstellung zuverlässiger Daten. Nach den Berechnungen des DWD ist ab 2050 mit einer deutlichen Zunahme von Temperaturextremen zu rechnen, insbesondere in den Wintermonaten ist eine kontinuierliche Zunahme der Häufigkeit auf das 20-fache zu erwarten. Niederschlagsextreme treten ebenfalls häufiger ein und werden schwieriger vorhersehbar sein.

Die durch den Klimawandel bedingten Herausforderungen an die Wasserwirtschaft in puncto Hochwasserschutz, Abwasserbeseitigung und Trinkwasserversorgung beleuchtete SGD Nord-Abteilungsleiter Joachim Gerke. Wichtig seien ein enger Austausch mit der Wissenschaft und „klimafeste Planungen“, die alle Wege in diesem dynamischen Prozess offen lassen.

Die Wasserwirtschaft muss sich mit der Frage beschäftigen, ob und wie angesichts längerer Trockenperioden die Trinkwasserversorgung sichergestellt werden kann. Verbundsysteme können hier eine Erhöhung der Versorgungssicherheit gewährleisten. Die Bauleitplanung muss sich auf die Herausforderungen durch extreme Niederschläge in Verbindung mit längeren Trockenperioden einstellen.

Zu der Auftaktveranstaltung waren rund 70 Vertreterinnen und Vertretern von Ministerien, Bundes- und Landesbehörden, Kommunen, Stadt- bzw. Verbandsgemeindewerken, Hochschulen sowie Naturschutzverbänden gekommen. Teilweise sogar ganz klimaneutral im Sinne der Veranstaltung per Fahrrad oder Elektroauto.

Vortrag Dr. Becker

Vortrag Hr. Gerke

 

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